Love is unconditional.Im Moment tobt in Deutschland ein Kampf um die selbstbestimmte Geburt, der hier in der Schweiz entweder gar nicht oder nur sehr marginal aufgegriffen wird. Logisch haben wir hier nicht das nun verschärfte Problem der Haftpflichtversicherung im selben Masse, wie in Deutschland. Und doch sind Hebammen hier den genau gleichen Problemen, Angriffen und schliesslich Rationalisierungsversuchen ausgesetzt, wie sie es in Deutschland sind.

Hier hätte man eine schöne Möglichkeit einmal über den eigenen (schweizerischen) Tellerrand zu schauen, denn schliesslich gibt es doch nichts Verbindenderes als eine Geburt und da sind wir Mütter doch alle gleich.

Nicht wirklich. Der Hebammenprotest in Deutschland dauert nun schon eine Weile und wie immer bei Revolutionen, Protesten und anderen grossen Umbrüchen, birgt die ausgedehnte Dauer immer auch die Gefahr, dass Nebenschauplätze aufgetan werden und dabei der Blick aufs Wesentliche verloren geht.

Hebammenprotest.

Im Moment lässt sich das vor allem am Twitter Hashtag und Thema #selbstgeboren sehr gut zeigen. Unter diesem Titel und Hashtag sucht eine aktive Hebamme und Autorin Geburtsberichte um die ganze Bandbreite an Geburtsrealitäten aufzuzeigen .
Oder so schien es mir. Mir, die ich den lieben langen Tag mit meiner polymorphen Wahrnehmung und zig Dingen, die ständig gleichzeitig ablaufen, daran gewohnt bin Texte quer zu lesen, habe beim ersten Lesen dieser Seite nicht bis zu den Bedingungen unter welchen man seinen Geburtsbericht einreichen darf, gelesen. Warum auch. Hebammenprotest ist ja nicht hier, betrifft mich ja nicht.
Entsprechend dachte ich erst, dass meine MamaTimeline auf Twitter wieder mal zu knapp und verkürzt das bekannte rote Tuch “Kaiserschnitt-natürliche Geburt” hervorkramt. In meiner Erstwahrnehmung gings darum gar nicht. Mit dem Begriff “selbstgeboren” habe ich primär die selbstbestimmte Geburt verbunden. Frauen und Mütter, die in voller Kenntnis ihrer eigenen Möglichkeiten entscheiden, wie und wo sie ihre Kinder in die Welt bringen wollen. (Ja. ‘In’ die Welt. Nicht ‘auf’.)
Ich war entsprechend schockiert, als ich dann die Bedingungsliste genauer durchlas. Zum Buch “Selbstgeboren” dürfen nur Frauen beitragen, die nicht-assistiert geboren haben.

Schockiert über meine eigene Schnellwahrnehmung. Schockiert darüber, dass eine Hebamme mit einem solchen massiven Mangel an Feingefühl sich so unglaublich herzlos und ungeschickt produzieren kann. Ja, ich gebe Anna Luz (@berlinmittemom) und Susanne Mierau (@fraumierau) recht, wenn sie davon ausgehen, dass dahinter keine Gemeinheit steckt. Dass es sich vielmehr um ungeschickte Formulierungen und Überlegungen handelt.
Tatsache bleibt, dass zwischen der “Hypno-Geburt” zu Hause und der “Lifestyle Kaiserschnitt in 3 Wochen wieder arbeiten-Geburt” Welten liegen. In diesen Welten, ja gar Universen, gibt es zig Tausend reale Schicksale. Reale Geschichten. Reale Lebensprozesse. Und jedes Mal sind da dieselben Akteure: eine Frau, ein Baby, ein Vater oder Bezugsperson, plus eine Hebamme.
Je nach Situation kommt dann noch ein Frauenarzt, ein paar Krankenschwestern, andere Ärzte, Pflegern etc. pp. dazu.
Und da liegt das erste Problem begraben. Es kann nicht angehen, dass nun aus dem Protest FÜR Hebammen und ihre wichtigen Hilfen und Dienste ein Grabenkampf zwischen Hebammen und Ärzten und der Medizin gemacht wird. Und da sind wir Mütter zuerst gefragt.

Warum?
Weil eine selbstbestimmte Geburt ein Frauenrecht ist. Ja, und wieso das? Weil ausser in unseren letzten Momenten, kurz bevor wir zurücklassen, was wir sind – nie eine Frau physisch und psychisch verletzlicher ist, als wenn sie ein neues Leben in diese Welt bringt. (Ja. ‘In’, nicht ‘auf’.) Verletzlicher, und so unendlich stark. Weil kein Wissen, kein Kurs und kein Buch uns darauf vorbereiten kann, was es heisst eine Geburt durch zu stehen. Weil nichts den direkten Kontakt mit einem anderen Lebewesen ersetzen kann. Einer Hebamme, einer Krankenschwester, einem Arzt, einer Doula. Egal wem.
Geburt ist ein Prozess. Ein Weg. Eine Initiation. Ein Werdens-weg. Egal ob natürlich, assistiert oder Kaiserschnitt, man weiss nachher sehr viel mehr über sich selbst. Darüber was ‘Frau’ und ‘Mutter’ für einen bedeutet. Und das sollten wir uns nicht wegreden, wegnehmen oder beurteilen lassen.

Es werden nun viele ihre Geburtsberichte online stellen. Gerade auch um andere wahre Geschichten gegen diesen Trend zu stellen. Ich… mag keinen Geburtsbericht posten. Aber einen kleinen Einblick in meinen Weg und warum mich das konstante Beurteilen unserer tiefsten Lernprozesse so stinksauer macht.

Als ich mit meiner zweiten Tochter schwanger wurde, hatten man mich ein paar Wochen davor mit einem Burn-out nach Diskushernie und Mobbing krank geschrieben. Alle Medis, die man sonst dafür bekommt um wieder etwas auf die Beine zu kommen, nach 10 Tagen auf stopp. Also wieder auf Plan A, alles selbst durch arbeiten. Und schwanger sein. Mit einer 15 Monate-alten Tochter. Und einem Mann, der unter der Woche in England arbeitete.

Mutterwerden ist eine Initiation. Jedes Mal aufs Neue.

Man muss sich mit vielem abfinden zwischen Ideal und Realität. Auch das gehört zum Reifeprozess dazu. Dazu was wir in diese Definition des Elternsein füllen. Mir wurde nach einem Symphysenbruch drei Monate vor ET und fast einem Monat null Bewegung klar, dass ich nie und nimmer bis zum ET komme. Mental war ich schon so komplett am Limit. Durch einen sehr steilen Schambeinwinkel besteht bei mir so oder so schon immer eine grosse Chance zu einem Kaiserschnitt. (Wie bei meiner grossen Tochter, die ich nach 12 Stunden Wehen immer noch unter dem Brustbein hatte und die nach einem positiven Zangenmeister – dem Hebammen-Test für die Becken/Schambeinbreite und Kopfgrösse des Kindes – per Kaiserschnitt auf die Welt kam.)
Also rechnete ich: kann ich bin zum ET+10 gehen um dann am Ende doch einen KS zu entscheiden. Könnte ich den dann noch frei entscheiden, oder würde ich mich selbst nicht in eine Drucksituation bringen, die mich nur noch reagieren liesse? Und wie würde ich bis ET+10 kommen? Mit welcher Energie? Physisch und psychisch?
Und danach? Wir warteten auf Antwort für eine neue Stelle meines Mannes. Am anderen Ende der Schweiz. Ab 1. Januar. ET war der 11. November. Es bestand also eine grosse Chance auf Veränderung. Gute Veränderung, aber auch viel Stress mit einem Umzug, neuer Stelle mit komplett neuem Rythmus und Arbeit, einer Selbstständigkeit für mich, mehr Unterstützung (da näher bei den Grosseltern der Kinder)…
Wer mich kennt, weiss um die schreckliche Situation mit meinen Eltern über die ich mich hier nicht auslassen möchte. Aber: ich erwartete im Wochenbett immer Flashes und leichte Depressionen, was meine Eltern angeht. Und genau durch diese Erwartung habe ich die echte Depression jedes Mal verhindert. Ja. Das kann gehen.
Mir wurde dann im letzten Monat klar, dass ich das so nicht hinbekomme. Warten, dann über den Termin. KS, dann 3 bis 4 Wochen später umziehen.
Ich habe mich selbst für einen Kaiserschnitt entschieden. Für meine eigene mentale Gesundheit. Weil ich erkannte, dass praktisch alles vorbereitet war um mir die gefürchtete Wochenbett-Depression zu bringen. Mein mental sehr fragiler Zustand, meine körperliche Gesundheit, die Gesundheit meiner Familie, die langen Absenzen meines Mannes, die einsamen Wochen mit meiner Tochter für die ich nur noch wenig Geduld übrig hatte…

Und was ist mit mentaler Gesundheit? Kein medizinischer Imperativ?

Als ich nach der Geburt den Hebammenbericht für meine Hebamme zu Hause in der Hand hielt und der nicht versiegelt war, hab ich mich selten so geärgert, als ich darin las, dass mein KS als ein ‘programmiert, selektiver KS’ deklariert worden war und so auch auf immer in der Statistik geführt werden wird.
Heute noch nervt mich das tierisch. Eine Präeklampsie, Schwangerschaftsdiabetes etc. das alles geht als Komplikation durch. Psychische, mentale Gesundheit aber, ist sekundär.

Ich habe selbstbestimmt geboren. Ich habe Verantwortung für meine eigene Gesundheit und die meines Babies und meiner Familie übernommen. Ich habe meine eigenen Stärken in die Waagschale geworfen und Hilfe angenommen. Und bei jedem Schritt war ich selbstbestimmt. Ich habe mir eine entsprechende Klinik gesucht und meine Frauenärztin entsprechend schon bei der ersten Geburt ausgesucht.
Ich habe selbst geboren. Assistiert. Mit Kaiserschnitt. Und ich hatte ein wunderbares Wochenbett. Beruhigt, im Gleichgewicht, in Frieden. Und wir sind dann 6 Wochen später umgezogen. Mit einem Neugeborenen. Und es war noch so genug Stress.

Jede Geburt ist anders. Und jede Mutter wird anders Mutter. Und doch: jede Geburt ist eine Initiation. Eine Geschichte des Werdens. Keiner hat das Recht das umzudeuten, zu beurteilen oder zu klassifizieren. Keiner. Auch wir als Mütter nicht.