Radikale Selbstannahme – #nomoreblack

Another day of #nomoreblack #ootd

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Wer mich auf Instagram verfolgt und über Facebook verbandelt ist, hat bemerkt, dass ich seit letzter Woche einige Bilder mit #nomoreblack anschreibe und sich vielleicht schon gefragt, was es wohl damit auf sich haben könnte. Ich hole dafür ein wenig aus. Ich bin eine Überlebende. Schulhof-bullying. Lehrer-Mobbing. Dann: Gefallensdruck, Leistungsdruck, Isolation. Und wieder: Mobbing, Ausgrenzung. Dann endlich: Burn-out. Nicht in jeder, aber in den meisten dieser Etappen hatte es etwas mit meinem Gewicht und meiner Selbstakzeptanz und Selbstrespekt zu tun. Als Mädchen nur von Jungs umgeben und in der Primarklasse auch, wurde ich schnell als ‘dick’ betitelt, weil meine Mutter dick war. Und so fühlte ich mich auch. Dick, dumm und faul. Dabei war ich alles andere als und wenn ich alte Bilder ansehe, dann war ich genau richtig. Ich fühlte mich aber dick. Immer. Meine Mutter gehörte zur Diät-Generation der 70/80er und hat sich davon nie erholt. Ich kann die Zeiten in denen sie nicht auf irgendeine Art oder Weise auf Diät war an einer Hand abzählen. Es war ein konstantes Thema. Ebenso der Hintern meiner Grossmutter, die mir laut meinem Vater genetisch ein schlechtes und voluminöses Erbe hinterlassen hatte. Ich war 12 als er mir das zum ersten Mal direkt sagte und mir dann einbläute, ich müsse da ein Leben lang drauf schauen, sonst bekäme ich einen breiten Hintern. Dann machte ich Karriere, und fand meine Arbeitsuniform… ab etwa 16 hörte ich auf Jeans zu tragen, weil mich die zu dick machten. Ich verlernte die Freude an Farben und hüllte mich in – durchaus figurbetontes – Weiss, Schwarz und Rot in Form von weissen Blusen, schwarzen Hosen oder Rücken und Schals, Jacken und Blazer in Rot (oder Schwarz, oder Weiss). Schwarz wurde mein Schild. Schwarz beschützte mich. Schwarz machte mich schlanker als ich mich fühlte und näherte mich näher an den Schlank-Standard, den ich mich so sehr wünschte und doch ab Hüftregion nie erreichte. Stundenglassförmig war ich oben eine 38 und unten eine 40. Egal wieviele Stunden Sport ich in der Woche einlegte (zu der Zeit war ich praktisch jede freie Minute auf der Fechtbahn… manchmal 8h in der Woche). Auch nach einer erfüllten sexuellen Beziehung, einer Hochzeit, Ankommen und Karrierewechseln und schliesslich zwei Kindern kam ich nicht vom Schwarz weg. Schwangerschaftsphotos? Nur schwarz… froh, wenn da mal noch die weisse Bluse auftauchte… Und dann änderte sich alles. Nicht einfach so… es gab und gibt Gründe spiritueller Natur dafür, die ich hier nicht weiter ausbreiten werde, aber sie haben mit radikaler Selbstannahme zu tun. Damit endlich aufzuhören, sich ändern zu wollen, weil wir so unschön und unvollkommen auf die Welt gekommen sind, dass der Lebensweg nur einer der Besserung sein darf. Und: es hat ganz viel mit der bedürfnisorientierten Erziehung meiner Kinder zu tun. Zwei Töchter. Klar, dass ich da soviel an Frauentraumata abbauen will, bevor sich die beiden das bei mir abgeschaut haben. Schaut man sich kleine Neugeborene an, dann sind sie in einem Zustand der vollständigen Selbstakzeptanz. Nichts kann sie an ihren Bedürfnissen und an ihrem Sein zweifeln lassen. Ausser einem Erwachsenen, der konstant seine Wünsche aufsetzt und nicht die Bedürfnisse des Kindes als solches annimmt. Uns wir das abtrainiert. In der traditionellen Erziehung gibt es meterweise Lektüre, die erklärt wie das am effizientesten funktioniert. Und ebenso viel Lektüre gibt es dann, die uns beibringt, wie man Teenager wieder auf die selbstbewusste Bahn bringt. Ein vollkommenes Paradox, in dem nur wenige ein Zusammenhang sehen. Ich seh ihn. Und ich hab grossen Respekt davor. Und ich will das nicht. Nicht für mich und nicht für meine Töchter.  

Darum mache ich wenn es am Leichtesten ist (im Sommer) eine Rock/Kleider Challenge über Monate mit, damit ich mich umpole und das Weibliche im körperlich Weiblichen wiederfinde. In mir. Ich finde Farben aus Ausdruck meiner Gedanken wieder. Spiele mit diesem Ausdruck. Etwas wozu ich mich nie traute. Und plötzlich trage ich sonnengelb, grün in allen Varianten, blau in verschiedenen Ausführungen und ich fühle mich so gut wie noch nie in meinem Körper. Egal wie oft ich das vorher schon dachte und sagte. Und ich merke, wie schnell das abfärbt. Auf meine beiden Töchter, auf meine Nachbarinnen, die Frauen, die ich berate… online, offline. Wie es seine Kreise zieht. Auf jeder Ebene und in ganz kleinen Impulsen. Kreise ziehen… passt ja. In der Amerikanisch-Indianischen Tradition sprechen die Frauen von sich als Zentrum im Kreis des Rockes. Denn ein bodenlanger Rock zeichnet einen Kreis auf den Boden. Und die Frau, ihre Gebärmutter, ihr Herz, ihr Körper ist das Zentrum dieses Kreises.

Und jetzt kommt meine Freundin Justine ins Spiel. Yogaleherin, wilde Seele, Moon Mother wie ich, sagt sie mir eines Tages… das ist ja alles schön und gut, und jetzt findest du deine schwarze Hose gar nicht mehr nach all diesen Wochen in Röcken… aber, schaffst Du es Dir einen Tag in der Woche auszusuchen und überhaupt kein Schwarz an deinen Körper zu lassen?

Meine erste Reaktion war: no way. Mal abgesehen von der Tatsache, dass ich seit Jahren nur noch schwarze Unterwäsche habe (praktische Gründe und psychologische, da ich Instinkt-Flux praktiziere) und seit meiner ersten Schwangerschaft vor 5 Jahren immer ein schwarzes Untershirt zum Stillen und Bruststützen trage… war ich völlig überfordert. Und logisch: Abwehrreaktion. Aber Justin wäre ja nicht meine Freundin, wenn sie das nicht vorausgesehen hätte. Sie deponiert und wartet. Und natürlich arbeitet das in mir. Und ich werde mir klar warum ich so am Schwarz hänge. Weil es mich schützt.

Aber ich merke, dass ich diesen Schutz nicht mehr brauche. Dass ich Frausein kann und mich in Rock und manchmal ohne Unterwäsche verletzbar machen kann ohne, dass etwas passiert. (Ja, auch hier ist eine psychologische Blockade tief verwurzelt. I know. Stoff für ein späteres Post.) Und natürlich kann ich nicht herausgefordert werden und dann nicht annehmen. Stolz und Ego. Aber gut, denn ich gehe also dahin und reflektiere jeden Morgen: brauche ich heute Schutz? Wo fühle ich mich verletzlich heute? Warum? Fühle ich mich heute zu gross für meine Welt? Brauche ich das Schwarz?

Und an Tagen, an denen ich es nicht brauche, dass sind dann jene, die auf Instagram als #nomoreblack gepostet werden. Photos von Kleidern, so oberflächlich für viele. Von Outfits of the Day (#ootd). Oh Gott. Nein.

Doch. Denn auch sowas darf Kreise ziehen. Auch so etwas das nachgemacht werden. Habt ihr Schutzkleidung? Rüstung? Und Lust diese abzulegen? Dann los!

Neue Wege

So viel passiert, wenn man sich auf Wesentliches konzentriert und damit den Kopf frei bekommt. Und ganz viel passiert offline. Jeden Tag. Und manchmal dreht man sich um und merkt, dass man schon lang nichts mehr öffentlich geschrieben hat. Dazu, was da alles so passiert.

Seit letzten Sommer merke ich, dass es mich in ganz andere Richtungen zu ziehen scheint, was meine berufliche, aber auch meine innere Orientierung angeht, und ich merke, dass ich mich dem nicht mehr länger entziehen kann oder auch will.

Hier geht es weniger vor allem um Inneres. Spirituelle Stärkung. Nicht mehr weglaufen, aus den unterschiedlichsten Gründen. Sondern vielmehr: Beispiel sein. Stolz und ehrlich herantreten und sagen: das bin ich. Frau. Mutter. Liebende. Heilende. An-der-Hand-Führende. Ritualhexe. Schamanenprinzessin. Druidenkönigin. Symbolbesingerin. Mondmutter. Und wo bist du?

Es bewegen sich ganz viele Dinge im Moment. Ich schreibe für den Wirbelwind, sogar in regelmässiger Eigenschaft. Und da es sich da nicht nur um das Magazin der La Leche Liga handelt, sondern auch um ein Medium, das Mütter stärkt, Stillgeschichten verfolgt und Frauen eine Plattform gibt, erschien mir das eine logische Folge.

In etwa so logisch, wie die Tatsache, dass mich Nora Stahel von der von ihr neu gegründeten Trageschule Schweiz anfragte, ob ich nicht die Leitung mit ihr zusammen übernehmen wollte. In einem Moment, wo ich mich sehr tiefgründig über die Leitung und den Weg der aktuellen Trageszene und vor allem der verfügbaren Ausbildungen hinterfragte, war es mehr als nur ein glücklicher Zufall, dass ausgerechnet Nora – meine ClauWi Ausbildnerin – mir diese Frage stellte. Wir hatten schon im Grundkurs in 2013 gespürt, dass wir sehr viel Inneres (und Äusseres) teilen. Der Schritt zum ‘ja’ war also ein logischer und ein einfacher ebenso. Weil Konkretes aufbauen, für Eltern und für Mütter, mir eher liegt, als konstant gegen Windmühlen in bestehenden Strukturen anzurennen. Kenne ich das doch zu gut aus dem Uni-Alltag, den ich für immer hinter mir gelassen habe. Aus guten Gründen.

Und es geht weiter. Neue Aufgaben, aber auch neue Wege. Denn es lässt mich nicht mehr los. So sehr, dass sich langsam die Idee eines Frauenzentrums herauskristallisiert. Was ursprünglich ein Laden für alternative Babyprodukte war, ist nun nach Businessplan und Evaluation, zu einer grösseren Idee von Frauen für Frauen in allen Lebenslagen geworden. Wer weiss, wo die Idee mich noch hin tragen wird?

Die Sache mit den Kompromissen

Ich befinde mich im Moment wohl in einer Phase, die ich nicht anders als mit ‘zerrissen’ umschreiben mag. Zwischen mehr Arbeiten wollen und müssen, und zwischen da bleiben und mich den Kindern widmen.

Ich tweetete gestern kurz dazu und die liebe @mairegen meinte dann, dass es vielleicht einen Kompromiss für geben könnte. Meine erste Reaktion war: Ich kann das Wort nicht mehr hören.

Mein zweiter Gedanke war: warum eigentlich? Bin ich nicht die Kompromiss-Tante vom Fach? Was ist los mit Dir

Und da ich nicht anders kann, analysiere ich hier nun weiter. Ja, wie geht das? Kompromisse gehören zum Leben. Wir gehen sie ständig ein und wir sind – gerade als Eltern – ziemlich hart im Urteil mit Menschen um uns herum, die nicht so kompromissbereit sind, wie wir. Woran liegt das? An der unplanbaren Natur des Lebens mit kleinen Kindern? An der Realität des Lebens, wenn mehrere kleine Lebewesen und ein Partner von unseren Entscheidungen abhängen?

Tatsache ist doch: je besser es mir geht, umso eher kann ich flexibel sein und Kompromisse als Veränderung ansehen, bei der ich durch Aufgabe meiner Position, etwas gewinne. Geht es mir schlecht oder fühle ich mich gestresst, umso weniger kann ich flexibel von meinem Standpunkt oder meiner Einschätzung abkommen.
Diese Beschreibung erinnert sehr an die sanfte Erziehung oder an den letzten Grundsatz des Attachment Parentings (ich umschreibe etwas): nur, wenn auch deine Bedürfnisse als Elternteil und Mensch erfüllt werden, bist Du offen für eine gewaltfreie und offene Beziehung mit deinen Kindern.

Jetzt gehört es aber in die Natur der Kompromisse, dass wir sie immer dann eingehen müssen, wenn wir eigentlich nicht wollen oder es uns nicht gut geht. Der Kreis des Unmöglichen schliesst sich.

Also wieder von vorne: tief Luft holen, das Wesentliche raus kramen, lächeln und weitermachen.

All is well.

And you are amazing.